Was die englischen Komponisten des elisabethanischen Zeitalters an vielschichtiger Rhythmik entfalteten, hallt bei James Dillon und Rebecca Saunders heute nach. Ein Dialog zwischen den Zeitaltern.
Die Musik vor Händel und Bach ist in Grossbritannien viel stärker präsent, als sie dies lange in Mitteleuropa war. Das liegt unter anderem. an der reichen Chortradition. Die Musik der Tudor-Zeit und des elisabethanischen Zeitalters wurden so weitergepflegt; die Partituren blieben unversehrt. Die Komponist* innen profitieren bis heute – auch ein James Dillon. So erscheint es sinnvoll, die Epochen in einem Konzert einander gegenüberzustellen: Auf der einen Seite die alten Werke, die hier reich verziert bzw. diminuiert erklingen – dies gemäss einem Traktat des Venezianers Silvestro Ganassi. Daraus entsteht eine ungemeine rhythmische Komplexität. Und auf der anderen Seite zwei jüngere britische Kompositionen, in welchen diese Komplexität nachhallt. Dillons Solobratschenstück «Siorram» (Gälisch für «in einem Zauberschlaf») folgt einer mäanderreichen Linie, die durch geometrische Figuren und Traumfelder führt, und streift schliesslich auch die Klänge einer gälischen Fidel. In ihrem «Dialogue» für Viola und Perkussion zitiert die in Berlin lebende Rebecca Saunders Gertrude Stein: « … ein Mensch, der die Aufmerksamkeit fesselt allein durch sein Dasein, es sind nicht Entwicklungen, die entfaltet werden, sondern ‹Seinzustände›, die in harten Schnitten aneinandergefügt sind … Figuren, die nichts taten, sondern waren.»
Henry VIII (1491–1547): «[E]n vray amoure» (*) (fols. 86v–87r)
Richard Pygott (ca. 1485–1549): «Quid petis o fily?» (*)
James Dillon (*1950): «Siorram» für Viola solo (1992)
Thomas Tallis (ca. 1505–1585): «O ye tender babes» (§)
Robert Fayrfax (1464–1521): «Sumwhat musying» (*) (fols. 120v–122r)
Rebecca Saunders (*1967): «Dialogue» für Viola und Perkussion (2011)
John Redford (ca. 1500–1547): «Miserere» (§) (fols. 10v–12v)
Thomas Tallis (ca. 1505–1585): «If ye love me» (¶)
Anonymous: «Let not us that yong men be» (*) (fols. 87v–88r)
Quellen
(*): The Henry VIII Book (British Library, Add. MS 31922)
(§): The Mulliner Book (British Library, Add. MS 30513)
(¶): Wanley Partbooks (Bodleian Library, Oxford, MS, c. 1546–1553)
Camilla Maina, Bratsche
Brian Archinal, Perkussion
Vicente Parrilla, Blockflöten
Teodoro Baù, Gambe
Johannes Keller, Orgel
Dauer: ca. 60 Minuten
Eine Veranstaltung von Musikfestival Bern in Kooperation mit Dampfzentrale Bern.
Der Veranstaltungssaal ist rollstuhlgängig.
Die Social Story zu «Siorram» beinhaltet Informationen zum Konzert, zu den örtlichen Gegebenheiten und zur sozialen Situation, welche Besuchende erwartet.
Das elisabethanische Zeitalter war eine Zeit in England. Das war vor mehr als 400 Jahren. Die englischen Komponisten machten Musik mit vielen verschiedenen Rhythmen. Das hört man heute auch in der Musik von James Dillon und Rebecca Saunders. Die Musik von früher trifft auf Musik von heute.
Termine und Tickets
Siorram, Englische Renaissance trifft Neue Musik aus England